Erinnerungen
an
GOZO

Gozo ist eine wunderbare Insel. Und wahrscheinlich hat es auch ein wunderbares Klima. Aber nicht im August. Und genau diesen heissesten aller Monate habe ich vor Jahren auf Gozo verbracht.

Der Empfang auf der Insel war herzlich, die Menschen warmherzig, und die Temperaturen umwerfend. So umwerfend, dass mein Freund sogleich mit Fieber - war es das maltesische? - auf der Nase lag, und ich schwitzend mit der schwuelen Hitze kaempfte. Verzweifelt suchte ich nach Schatten. Zum Glueck lag das Meer vor der Haustuer. Einfach raus aus dem Haus, rueber ueber die Strasse und rein in die Fluten. Es war herrlich, jederzeit den Sprung ins kalte Wasser wagen zu koennen. Es entschaedigte fuer allen Schweiss, den uns die Hitzegrade kosteten. Dieses tuerkisfarbene, kristallklare, erfrischende Wasser war mit das Schoenste in diesem Urlaub.

Und das Abenteuerlichste war die Fortbewegung. Als uns unsere Gastgeber vom Flughafen in Malta abholten und im Auto zur Faehre nach Gozo brachten, setzte ein paarmal mein Herz - das Herz einer Festlandeuropaeerin - aus: Derjenige, der links sass, dort, wo sich im allgemeinen das Steuerrad befindet, drehte sich um, um uns strahlend von den Schoenheiten Gozos vorzuschwaermen. Ich hielt mich am Sitz fest, denn zu allem Uebel fuhr der Wagen auch noch auf der linken, fuer mich falschen Seite, um im naechsten Moment ein Auto auf der rechten Spur zu ueberholen. Der Fahrer, der, wie ich bald merkte, auf dem Beifahrersitz sass, wechselte in atemberaubendem Tempo die Spuren, und ich selbst wusste bald nicht mehr, wo rechts und wo links war. Es dauerte eine Weile, bis ich mich an diese verwegene Art von Linksverkehr gewoehnte. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Autofahren scheuten wir also wegen des Linksverkehrs. Gehen war angesichts der Temperaturen nur in begrenztem Umfang moeglich. Also blieben nur die gruenen, blankpolierten Busse. Bald schon verstanden wir, weshalb sich manch aeltere Frau bekreuzigte, wenn sie in den Bus einstieg. Die Fahrer zeigten ein rasendes Temperament. Nur Fliegen ist schoener. Wir waren jedesmal froh, wenn wir angekommen waren: in Rabat, in Xlendi, in Xaghra. Wohlklingende Namen, die schoene Orte bezeichnen. Namen in einer faszinierenden Sprache, von der ich allerdings nichts verstand. Ich wuensche mir, ich haette vor meiner Reise Grazios Survival Guide entdeckt.

So aber schlugen wir uns mit Englisch durch die gozitanische Welt. Was uns nicht ueberall gelang. Zum Beispiel in einem ganz bestimmten Restaurant in Xaghra. Es war winzig, zwei gewichtige Frauen schwangen das Szepter, und wir fuehlten uns wie zuhause in Mutters Kueche. Man sprach gozitanisch mit uns, und ehe wir etwas verstehen oder antworten konnten, wurden wir an einen Tisch gesetzt und dann mussten wir essen, was auf ebendiesen Tisch kam. Wir haben es nicht bereut. Nie in meinem Leben habe ich so gute Bragoli gegessen. Die Verstaendigung funktionierte letztendlich ohne Sprache, sie ging ueber den Magen. Dieses Restaurant gehoert zu meinen schoensten Erinnerungen. Wahrscheinlich gibt es nicht mehr viele solche urspruenglichen Orte auf der Insel. Und wir Touristen tragen leider dazu bei. Aber man will halt etwas von der Welt sehen.

Trotzdem empfand ich Gozo immer noch als sehr urspruenglich. Noch findet man ueberall sehr viel Ruhe und Entspannung. Die Abende an der Strandpromende von Marsalforn sind mir in angenehmster Erinnerung: gleichzeitig gemuetlich und unterhaltsam, die Menschen unglaublich freundlich und gut gelaunt. Der Mond spiegelt sich im Wasser des Hafens und die Welt ist noch in Ordnung ...

Es gaebe noch viel zu schreiben, von gozitanischer Gastfreundschaft, vom Oleander, der in der Sonne leuchtet, vom Seidentuchblau des Himmels und vom Glitzern des Meeres. Von malerischen Buchten, von beeindruckenden Tempeln und Kirchen, von froehlichen Festen und praechtigen Feuerwerken und von menschlichen Begegnungen ... aber all dies erlebt man am besten selbst. Dies und den ruhigen Gang der Dinge. Endlich einmal nichts tun als schauen, schwimmen und schlemmen. Pause machen, plaudern und seinen Phantasien nachhaengen. Und natuerlich Schwitzen.

Ich wuensche Gozo, dass es so bleibt, wie es ist. Auf seine Art ein kleines Paradies. Und ich werde bestimmt wiederkommen. Aber nicht im August.

Odile Endres, Mai 1996

e-mail: h41@aixterm1.urz.uni-heidelberg.de
http://ix.urz.uni-heidelberg.de/~h41/Odile


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